Bildungs-Separatismus zum Anfassen

Dieser SpOn-Artikel zum Bildungs-Separatismus rief mir wieder ein damit zusammenhängendes Thema ins Gedächtnis, über das ich hier im Blog schon lange schreiben wollte. Anders als in den restlichen Bundesländern, begann in Niedersachsen die Einteilung der Schüler in drei Schichten (Hauptschüler, Realschüler, Gymnasiasten) nicht bereits nach der vierten, sondern erst nach der sechsten Klasse. Das fünfte und sechste Schuljahr verbrachte man in der sogenannten Orientierungsstufe, wo die Schüler lediglich in den Fächern Englisch und Mathe je nach Leistung in A-, B- und C-Kurse eingeteilt wurden. Das Gymnasialstufe dauerte in Niedersachsen also “nur” von der siebten bis zur dreizehnten Klasse.
Vom ersten Tag auf dem Gymnasium an, sollte ich für viele Jahre nie wieder auch nur den geringsten Kontakt zu Real- oder gar Hauptschülern haben. Während die Haupt- und Realschüler auf die Schule im Nachbarort gingen, besuchten wir das Gymnasium in der Stadt. Wenn wir Gymnasiasten morgens an der Bushaltestelle auf den Linienbus wartete, standen unsere ehemaligen Mitschüler an der Haltestelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite und warteten auf den Schulbus in die Gegenrichtung. Und auch im Konfirmandenunterricht saßen die Gymnasiasten fein säuberlich von den übrigen Konfirmanden getrennt. Auf der dreitägigen Konfirmadenfreizeit kam es bei der Zimmerverteilung zu ersten Klassenkämpfen. Als ich nach dreizehn Schuljahren mit dem Abiturzeugnis das Gymnasium verließ, wurde mir erst auf meiner Zivistelle bewusst, dass viele der gleichaltigen Zivi-Kollegen zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Jahre im Berufsleben hinter sich hatten.
Dass im deutschen Bildungssystem (wenn nicht sogar in der Gesellschaft) die Klassengrenze jedoch nicht nur zwischen Hauptschülern, Realschülern und Gymnasiasten gezogen wird, wurde mir erst nach Ende meines Universitätsstudium in aller Deutlichkeit klar: Auch am Gymnasium und der Universität gibt es zumindest zwei unterschiedliche Arten von Schülern und Studenten. Als Sohn einer gelernten Friseuse und eines LKW-Fahrers war ich der Stolz der Familie: Das ihr Sohn eines Tages auf das Gymnasium gehen würde, hatten meine Eltern nicht zu denken gewagt – bis die Grundschullehrerin in der vierten Klasse eine erste Empfehlung hinsichtlich der weiteren Schullaufbahn ihrer Schüler erstellt hatte. Dass ich überhaupt auf’s Gymnasium gehen konnte, habe ich also meiner alten Klassenlehrerin in der Grundschule zu verdanken. Meine Eltern hätten mich glatt in die Hauptschule geschickt – ein Zeugnis voller Einsen hin oder her… Da ich auch auf dem Gymnasium mit den meisten Grundschulfreunden in eine Klasse gibt, änderte sich bis zur 10. Klasse eigentlich nicht viel, außer dass man neben Englisch noch Latein oder Französisch pauken musste. Erste Anzeichen, dass etwas nicht stimmte, gab es erst in der 11. Klasse, als wir erste Fächer frei wählen durften und durch das Kurssystem die Jahrgangskollegen aus den Parallelklassen kennenlernten: Die Arzt-, Anwalts-, Lehrer- und Pastorenkinder waren anscheinend auf die anderen Klassen aufgeteilt – in unserer Klasse stammte nämlich so gut wie niemand aus einer Akademikerfamilie. Verunsichert stellte ich in der Oberstufe fest, wie selbstverständlich manche Mitschüler ein Jahr im Ausland verbrachten, ihre Leistungskurse bereits auf ihr zukünftiges Studium ausrichteten und nach dem Abi in ferne Städte zum Studieren gingen – ihren zukünftigen Beruf als Arzt oder Anwalt schon vor Augen.
An der Uni setzte sich das Muster fort: Während ich selbst mehrere Jahre nach meinem Abschluss noch überlege, was ich später mal beruflich machen möchte, hatten die Akademikerkinder unter den Kommilitonen bereits im ersten Semester ihr Auslandssemester geplant und nach weniger als sechs Semestern ihren Bachelor-Abschluss in der Tasche. Kein Wunder, wenn man sich – wenn auch unbewusst – an studierten Eltern und Geschwistern orientieren kann und einem die Verhaltensweisen der sprichwörtlichen Elite wahrhaft in die Wiege gelegt wurden. Schwieriger wird es dagegen, wenn man als Einziger in der Familie jemals eine Universität von Innen gesehen hat. Auch nach acht Semestern wunderte ich mich in der Mensa häufig noch, nach Vorzeigen meines Studentenausweises einfach durchgewunken zu werden. Und selbst mit sämtlichen notwenigen Leistungsnachweisen in der Tasche, klopfte ich nur zögerlich an die Bürotür des Professors, um ihn um die Betreuung meiner Abschlussarbeit zu bitten, während die Kommilitonen bereits im ersten Semester hier wie selbstverständlich ein- und ausgegangen waren. Versteht sich von selbst, dass ich meine Abschlussnote von 1.3 bis heute für einen Druckfehler halte und mich nach der Uni hauptsächlich auf Stellen beworben habe, die man auch ohne abgeschlossenes Studium erfolgreich hätte antreten können.
Wären meine Eltern Rechtsanwälte, Diplom-Betriebswirte oder Zahnärzte gewesen – auch ich hätte mich vermutlich auf eine Anstellung bei einer renommierten Unternehmensberatung beworben (ob ich das überhaupt will, ist natürlich eine ganz andere Frage) und wäre heute einer dieser Schnösel mit bruchlos vorgezeichnetem Lebenslauf, die nur sich und ihre eigene Schicht kennen, zügig die ihnen zustehenden Plätze besetzen und von dort Entscheidungen über Menschen treffen, deren Lebensläufe ihnen völlig fremd sind.
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1 Comment
hehe, könnte auch meine story sein, außer dass ich nicht auf einem gymnasium war, sondern “nur” auf der gesamtschule. aber sonst kommt das in etwa alles hin