Neues Mixtape: Party ganze Nacht 2015

Party Ganze Nacht 2015

Anfang der Nullerjahre hatte ich für meine Freundin Caro eine Reihe von CD-Compilations erstellt. CD-Brenner waren damals der letzte technische Schrei und der neueste Hype hieß Napster – ihr könnt Euch also 1+1 zusammenrechnen. Caro war schon zu Schulzeiten auf dem Provinzgymnasium nicht wie die anderen Mädchen: Neben Depeche Mode hörte Sie mit ihren Freundinnen vor allem EBM und Dark Wave von Bands wie Wolfsheim, Deine Lakeien, Apoptygma Berzerk, S.P.O.C.K., Project Pitchfork oder Das Ich. Das entsprach zwar nicht unbedingt meinen Musikgeschmack – kam mir als einzigem Hörer von Techno, House und Drum & Bass auf weiter Flur aber zumindest schon etwas nahe. Wenn schon niemand mit mir auf einen Rave fuhr, so ging ich immerhin einmal mit Caro und ihrer Clique auf eine Gothic-Party auf dem Hanomag-Gelände in Hannover. Und Grenzwellen mit Ecki Stieg auf Radio FFN hörte ich ohnehin von Zeit zu Zeit….

In der Oberstufe und nach dem Abitur verloren wir uns dann erstmals aus den Augen. Anfang der Nullerjahre war die Freundschaft jedoch wieder enger als jemals zuvor – und Caro hatte sich in der Zwischenzeit musikalisch weiterentwickelt: Und zwar Richtung Nena und Guildo Horn mit seinen Orthopädischen Strümpfen. Hier sah ich meine Chance gekommen, sie zumindest ein Stück auf meine musikalische Seite zu ziehen: Schließlich hatte auch ich schon immer eine Vorliebe für cheesige Popsongs! Außerdem begann gerade das erste 80er-Jahre-Revival sowie die Hochzeit des Kompakt-Labels. Immer mehr Technoproduzenten hatten den Mut, ihre poppigen Vorlieben auszuleben. Also stellte ich absofort nahezu monatlich CD-Compilations mit poppigen Technostücken für Caro zusammen. Ergänzt wurden die Zusammenstellungen durch obskure 80er-Jahre-Schätzchen, welche man mittlerweile dank des Internets immer einfacher entdecken konnte. Kurze Zeit später wurde diese krude Mischung von Musikstilen unter dem Begriff “Electroclash” der letzte Schrei.

Ich taufte die CD-Reihe auf dem Namen “Party Ganze Nacht” – nach dem gleichnamigen Hit von Bodenständig 2000. Ich habe keine Ahnung, wieviele solcher CDs ich für Caro zusammengestellt habe. Doch mindestens 20 werden es wohl gewesen sein. Ein besonderes Augenmerk legte ich dabei auch auf die Reihenfolge der Lieder: Jede CD erzählte vom ersten bis zum letzten Songs nicht unbedingt eine Geschichte – doch zumindest sollte die Hörerin vom ersten Ton an die Hand genommen und immer tiefer in eine neue Welt aus Sound und Raum geführt werden. Die sonische Reise jeder PGN-Ausgabe führte über euphorische Kitsch-Höhen und schroffe Noise-Täler. Am Wegesrand war immer Platz für humorvolle Geschmacklosigkeiten und darke Ernsthaftigkeit. Das flexible Dogma bei der Zusammenstellung der Musik lautete:

  • Bezug zu den 80er-Jahren (damit bekommt man Caro immer)
  • Songlänge von 2 bis 5 Minuten (ein 10-minütiger Minimaltrack ist nicht so ihr Ding)
  • Somit vielen auch fast alle reinen Techno- oder House Tracks aus der engeren Wahl
  • Kein Rap, Soul oder Hip Hop (für Black Music fehlt ihr jegliches Gespür)
  • Kein EBM, Gothic oder Dark Wave (davon wollte ich sie ja “befreien”)

Ansonsten war eigentlich alles möglich: Solange es irgendwie im entferntesten Sinne poppig war. So gesellten sich Christopher Just neben The Human League, Chicks on Speed neben Dead or Alive oder Miss Kittin neben DAF, um mal die bekanntesten Vertreter zu nennen. Im Laufe der Jahre grub ich immer tiefer in der Musikgeschichte und förderte immer obskurere Acts zutage, die man heutzutage zum Beispiel auf den Minimal Wave Tapes finden kann.

Leider verloren Caro und ich uns irgendwann ein zweites Mal aus den Augen: Man beendete das Studium, zog in andere Städte, heiratete, kaufte ein Haus und hatte vor lauter Verpflichtungen keine Muße zum Musikhören mehr. Ihr wisst vermutlich, wovon ich spreche… Seit einigen Wochen haben wir nun jedoch wieder Contact, wenn auch nur via WhatsApp und Facebook – doch ein ihrer ersten Fragen lautete: “Wann machst Du mir eine PGN2015???”.

Auch wenn ich selbst in den vergangenen Jahren nicht mehr soviel Musik wie früher gehört habe, hatte ich genau für den Fall bereits eine spezielle Spotify-Playlist angelegt. Hier hatte ich über all die Jahre solche Lieder abgelegt, die mit Sicherheit Verwendung finden sollten, falls die “Party ganze Nacht”-Reihe eines Tages wiederbelebt wird. Und genau dieser Moment ist nun gekommen: Doch statt CDs zu brennen, werden die aktuellen PGN-Ausgaben nun als Spotify-Playlist erstellt. Und dies bietet noch einen weitere Vorteil: Sie können nun nicht mehr nur von Caro gehört, sondern mit der ganzen Welt geteilt werden.

Dies ist die erste “Party Ganze Nacht”-Ausgabe nach vielen Jahren Pause. Auch wenn sich das Konzept nicht geändert hat, sind einige Veränderungen doch offensichtlich:

  • Die Auswahl der Songs und Künstler ist poppiger als jemals zuvor (was daran liegt, dass der Musik-Mainstream dieser Tage deutlich spannender als der Underground ist)
  • Es gibt keine Songs aus den 80er-Jahren (ich glaube, hier habe ich alles durch)
  • Wir sind nicht mehr auf die 70-minütige Spieldauer einer CD beschränkt
  • Es gibt jetzt auch Hip Hop!!

Tracklist: PGN2015

  • Fatima Al Qadidri – Szechuan
  • Bat For Lashes – Lilies
  • Solange – Losing You
  • Jessie Ware – Running (Disclosure Remix)
  • Caribou – Can’t Do Without You
  • Hot Chip – Huarache Lights
  • Shamir – On The Regular
  • I LOVE MAKKONNEN – Tuesday
  • SBTRKT – Hold on (feat. Sampha)
  • Jamie XX – Loud Places (feat. Romy)
  • Disclosure – Omen (feat. Sam Smith)
  • Julio Bashmore – Call it Love (Scuba’s Angel Dust Mix)
  • DJ Snake – You Know You Like It (feat. Aluna George)
  • Natalie La Rose – Somebody
  • Ariana Grande – Love me harder (feat. The Weeknd)
  • FKW Twigs – Two Weeks
  • Kelela – Rewind
  • Purity Ring – Begin Again
  • Sia – Chandelier

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