Einladung zum Dinner in Budapest

Einladung zum Dinner in Budapest

Am dritten Tag unserer Städtetour sind wir ohne Zwischenfälle in Budapest angekommen. Das Auto hat auch die als Autobahn bezeichnete Buckelpiste zwischen Prag und Bratislava mit Bravour bewältigt.


Gleich am ersten Abend in Budapest sind wir zum Dinner bei Joszef (45) eingeladen. Joszef wohnt in einer Einzimmerwohnung am Rande des Stadtzentrums von Budapest. Aufgrund seiner hutzeligen Erscheinung und einer Stimme, die stets klingt, als spräche er mit zugehaltener Nase, nennen wir ihn unter uns nur den Hobbit. Allerdings ist er – und nun wird es ein wenig kinky – eine Granate im Bett. Joszefs 71-jährige Mutter wohnt in einer gleichen, nur spiegelverkehrten Wohnung direkt nebenan und hat für uns ungarische Kohlrouladen gekocht. M. lässt wie befürchtet den Westeuropäer raushängen und bekommt nur mit Mühe und Not eine Kohlroulade runter. Mir schmeckt es dagegen richtig gut und ich fühle mich auch in der tatsächlich an eine Hobbithöhle erinnernden Wohnung sofort wohl. Hier in Budapest sind schon im Mai beinahe 30 Grad: Draußen geht ein Wolkenbruch nieder, Blitze zucken durch das Fenster zum Innenhof und laute Donner krachen. Ich würde mich nicht wundern, wenn gleich Gandalf zur Tür herein käme.

Ungarische Kohlrouladen

Joszef berichtet derweil in einem ununterbrochenen Wortschwall mit seinem starken, aber umso liebenswerteren ungarischen Akzent von seinem mit nur 35 Jahren an Krebs verstorbenem Vater, seinen zahlreichen Ex-Boyfriends, dem Job in der ersten McDonald’s-Filiale Ungarns, Aushilfsjobs in Freizeitparks, Restaurants und Online-Versandhändlern in England und Florida, mit denen er trotzdem mehr Geld verdient als mit seinen 500 Euro/Monat als U-Bahn-Fahrer in Budapest, der Diabetes-Erkrankung seiner Mutter, dem Ende der Men-only-Tage im Kiraly-Bad, eine der Maßnahmen des Budapester Bürgermeisters, Homosexualität in seiner Stadt zu unterbinden, und so langsam setzt sich in meinem Kopf ein Bild zusammen, wie das Leben eines schwulen Ungarns aussieht. Ich möchte Joszef in den Arm nehmen und knuddeln und schäme mich für die Luxussorgen, mit denen ich mir in Deutschland das Leben unnötig schwer mache.

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