Morgen, da fährt mein Zug in eine andere Welt

Lange nicht mehr so geheult wie gestern bei „Herr Schmidt und Herr Friedrich“ auf 3sat, ein Dokumentarfilm von Ulrike Franke und Michael Loeken, den ich schon seit Jahren sehen wollte und gestern beinahe schon wieder verpasst hätte.

Die Liebe von Kurt Schmidt und Wilfried Friedrich hat einst die Grenze der DDR überwunden: Herr Schmidt lernt 1976 bei einem Besuch in der DDR Herrn Friedrich kennen und lieben. Fast täglich schreiben sich die beiden Liebesbriefe, welche zum Teil von der Stasi abgefangen werden, die auch einen IM auf Wilfried Friedrich ansetzen. Während Herrn Friedrichs Briefe an Erich Honnecker erwartungsgemäß auf taube Ohren stoßen, setzt sein Freund im Westen alle Hebel in Bewegung, bis ihnen 1980 das Wunder gelingt und Wilfried Friedrich zu seinem Gatten in den Westen übersiedeln darf. Kurt Schmidt beschafft seinem Mann einen Job in der örtlichen Textilfabrik, in der er selbst auch arbeitet, und schließlich kaufen die beiden als offen schwules Paar sogar ein Reihenhaus in der niedersächsischen Provinz, das sie im Laufe der Jahre mit Erinnerungsstücken und kitschigem Nippes bis unters Dach vollstopfen.

Der Film setzt allerdings erst ein, als beide Männer Mitte 50 und langzeitarbeitslos sind, und mit Mühe und Not die Raten für ihr Haus abstottern können. Gerade 100 DM bleiben ihnen monatlich zum Leben. Die Freizeit verbringen sie mit dem Durchhören der umfangreichen Schlagersammlung, Minigolf und dem Erraten von Freddy-Quinn-B-Seiten.

Vor der Kamera präsentieren die beiden ihre nach Interpreten sortierte Plattensammlung, lassen ihre Lieblingsschlager ertönen, gewähren Einblick in den Kleiderschrank, in welchem die Handtücher nach Farben sortiert sind, zeigen Fotos aus besseren Zeiten und lesen sich aus ihren durchnummerierten Liebesbriefen vor.

Möchte man sich zu Beginn des Films noch über den Lebensstil der beiden Männer lustig machen, bekommt man schließlich doch schnell feuchte Augen aufgrund ihrer tatsächlich wundervollen Liebesgeschichte und der einzigartigen Erinnerstücke in Form von Briefen und Fotos. Einen Schlag in die Magengrube verspürt man jedoch, wenn man weiß, dass Wilfried Friedrich, der während des gesamtes Films eigentlich nie ohne Glimmstengel zu sehen ist und verdächtig hustet, kurz nach den Dreharbeiten schwer erkrankt und verstorben ist (was erst im Abspann des Films in Form einer kurzen Texteinblendung erwähnt wird).
Ein sehr schönes 45minütiges Radio-Interview mit Kurt Schmidt gibt es hier.

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