Rüdiger Esch – Electri_City

Rüdiger Esch - Electri_City

Es muss nicht immer Detroit, Chicago oder Berlin sein: Nein, auch Düsseldorf hat einen nicht unerheblichen Beitrag zur Entwicklung von Techno und House beigetragen. Nach „Verschwende Deine Jugend“ von Jürgen Teipel (Punk) und „Der Klang der Familie“ von Felix Denk und Sven von Thülen (Techno in Berlin) erscheint mit Electri_City von Rüdiger Esch nun ein weiteres Oral-History-Buch – dieses Mal über die Anfänge der elektronischen Musik in Düsseldorf, und somit irgendwie auch weltweit.

Rüdiger Esch – Electri_City: Elektronische Musik aus Düsseldorf

Electri_City von Rüdiger Esch beleuchtet die Entwicklung der elektronischen Musik von den Anfängen um 1970 bis zum Ende der analogen Phase um 1986. Bisher habe ich leider nur etwa ein Drittel des Buches gelesen, doch das ist schon sehr vielversprechend: Auch wenn ich – mit Ausnahme von Kraftwerk – die in Electri_City genannten Bandnamen eigentlich nur vom Hörensagen kenne und Krautrock für mich immer nur schreckliche Gitarrenmusik von häßlichen Hippies mit langen Haaren war, gibt das Buch nicht nur einen sehr guten Überblick über die Entstehung der elektronischen Musik und hilft bei der historischen, sondern ist darüber hinaus auch noch äußerst unterhaltsam geschrieben.

Die ersten Kapitel von Electri_City widmen sich ausführlich den Bands Neu!, La Düsseldorf und immer wieder Kraftwerk, die in den 1970ern noch kaum etwas mit dem roboterhaften Auftreten zu tun hatten, unter dem sie ihren späteren weltweiten Siegeszug antreten durften. Und über allen schwebt der damaliger Überproduzent Konrad „Conny“ Plank. Interessanteste Erkenntnis für den Leser bisher: Kraftwerk waren ihrer Zeit soundmäßig nur deshalb Lichtjahre voraus, weil sowohl Ralf Hütter als auch Florian Schneider aus Millionärshaushalten stammten und ihre Eltern die sündhaft teuren Synthesizer bezahlen konnten.

Die restlichen Bands der Düsseldorfer Szene entstammten eher der Arbeiterklasse und/oder der Kunstszene rings um Joseph Beuys, waren chronisch pleite und/oder auf Drogen und schrebbelten weiterhin auf Gitarren und Schlagzeug herum. Trotzdem waren es gerade sie, die trotz des althergebrachten Instrumentariums neue Sounds und Songstrukturen erforschten, bzw. letztere hinter sich ließen, und sich stilistisch von der Rock’n’Roll-Übermacht aus den USA und Groß Britannien abzugrenzen und einen eigenen Stil zu etablieren versuchten. Schon nach wenigen Seiten kann der Leser erahnen, dass – zumindest die Gründungsmitlieder Kraftwerks – in diesem Buch charakterlich nicht besonders gut wegkommen. Daher ist es wohl auch kein Wunder, dass in dem Buch fast alle wichtigen Protagonisten der damaligen Zeit in Electri_City zu Wort kommen – mit Ausnahme der Herren Hütter und Schneider.

Interessante Einblicke in die elektronische Musik aus Düsseldorf gibt es in Electri_City u.a. von Wolfgang Flür (Kraftwerk), Eberhard Kranemann (Gründungsmitglied von Kraftwerk), Klaus Dinger (Mitglied bei Kraftwerk, Neu! und La Düsseldorf), Michael Rother (ebenfalls u.a. Mitglied bei Kraftwerk und Neu!), Hans-Joachim Roedelius (Cluster & Harmonia), Bodo Staiger (Rheingold), Gabi Delgado (DAF), Jürgen Engler (Die Krupps), Ralf Dörper (Propaganda), sowie exklusive Statements von prominenten Fans wie Giorgio Moroder, Ryuichi Sakamoto, Andy McCluskey (OMD), Martyn Ware (The Human League) oder Glenn Gregory (Heaven 17).

Dieses Oral-History-Buch von Rüdiger Esch ist die ideale Herbstabend-Lektüre für alle Freunde elektronischer Musik – sogar, wenn man mit den Sounds von Kraftwerk, Neu!, La Düsseldorf, DAF, Die Krupps, Der Plan, Liaisons Dangereuses, Rheingold und Propaganda eher wenig anfangen kann.

Hier geht’s zum Buch:
Rüdiger Esch: Electri_City – Elektronische Musik aus Düsseldorf

Zum Buch gibt’s übrigens auch eine gleichnamige CD, erschienen bei Grönland Records.

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